Das KHVVG und das KHAG stellen die Kinder- und Jugendmedizin vor große Herausforderungen. Kooperationen zwischen Kliniken, digitale Versorgungsmodelle, strategische Personalplanung und
Förderprogramme sind nun entscheidend, um die Qualität der pädiatrischen Versorgung zu sichern.
Die Reformen im deutschen Krankenhauswesen, insbesondere das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG, 2024) und das Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG, 2025), zielen auf Effizienzsteigerung, Zentralisierung und eine Neuausrichtung der Krankenhausplanung. Für die Kinder- und Jugendmedizin stellen diese Maßnahmen eine besondere Herausforderung dar, da spezialisierte pädiatrische Leistungen kostenintensiv sind, hohe fachliche Qualifikationen erfordern und eine kontinuierliche Infrastrukturvorhaltung notwendig ist (DGKJ e.V., 2025a; DGKJ e.V., 2025b). Insbesondere die allgemeine Pädiatrie, Neonatologie, pädiatrische Intensivmedizin und Rehabilitation sind von den Reformen betroffen. Gleichzeitig werden strategische Aspekte wie Kooperationen zwischen Universitätskliniken und Versorgungskrankenhäusern sowie der Einsatz von Arbeitnehmerüberlassung zunehmend relevant (BMG, 2024).
Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG)
Das KHVVG verfolgt die Zielsetzung, Bettenkapazitäten zu reduzieren und die Krankenhauslandschaft wirtschaftlich effizienter zu gestalten. In der Kinder- und Jugendmedizin führte dies bereits zu einer Konsolidierung der Standorte: Von ursprünglich 440 pädiatrischen Kliniken im Jahr 1991 wurden viele aus ökonomischen Gründen geschlossen, während die verbleibenden 326 Einrichtungen (Jahr 2022) oft unterfinanziert sind, was die Qualität der Versorgung gefährdet (DGKJ e.V., 2025a). Besonders problematisch ist die Streichung der Leistungsgruppe „Spezielle Kinder- und Jugendmedizin“, wodurch hochspezialisierte Fachbereiche wie Kindergastroenterologie, -kardiologie oder -neurologie nicht mehr explizit in der Krankenhausplanung berücksichtigt werden können. Zusätzlich verschärft der geplante Wegfall der Leistungsgruppe „Spezielle Kinder- und Jugendchirurgie“ die Situation erheblich. Diese umfasst unter anderem die operative Versorgung von Früh- und Neugeborenen, angeborene Fehlbildungen sowie komplexe kinderchirurgische Eingriffe, die nur in spezialisierten Zentren mit entsprechender personeller und technischer Ausstattung durchgeführt werden können. Ihre Streichung aus der Leistungsplanung gefährdet nicht nur die flächendeckende Versorgung und Zentralisierung, welche eine wichtige Voraussetzung für die hochqualifizierte Weiterbildung von Fachärzten darstellt, sondern führt auch zu erheblichen Unsicherheiten bei der Kalkulation von Vorhaltekosten für Personal, medizinische Geräte und diagnostische Verfahren (DGKJ e.V., 2025a; DGKJ e.V., 2025c; DGKJC e.V., 2025).
Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG)
Das KHAG soll die Umsetzung des KHVVG modifizieren, jedoch fehlen gesetzliche Vorgaben zur Evaluation der Entwicklung der pädiatrischen Leistungsbereiche (DGKJ e.V., 2025b). Die mögliche Zuweisung pädiatrischer Leistungen zu Leistungsgruppen der Erwachsenenmedizin birgt die Gefahr einer Unterversorgung von Kindern und Jugendlichen, insbesondere von Hochrisikogruppen wie chronisch erkrankten Kindern (DGKJ e.V., 2025b). Zudem ist die ursprünglich zur Stabilisierung und Weiterentwicklung der pädiatrischen Versorgung vorgesehene zusätzliche Finanzierung von 300 Millionen Euro jährlich ab 2028 nicht gesichert, sodass der Weiterbetrieb spezialisierter Abteilungen nur an Einrichtungen mit nachweislich qualifizierter pädiatrischer Versorgung gewährleistet werden kann (DGKJ e.V., 2025b; DGKJ e.V., 2025d).
Fachgesellschaftliche Stellungnahmen
Fachgesellschaften und Verbände betonen die Notwendigkeit, die spezifischen Bedürfnisse der Kinder- und Jugendmedizin zu berücksichtigen. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), die Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland e.V. (GKinD), der Verband Leitender Kinder- und Jugendärzte und Kinderchirurgen Deutschlands (VLKKD) sowie die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendchirurgie fordern eine differenzierte Planung von Leistungsgruppen und eine Sicherstellung der fachärztlichen Versorgung (GKinD, e.V., DGKJ e.V., VLKKD e.V., DGKJC, 2025; DGKJ e.V., 2025c). Das Kindernetzwerk e.V. weist auf die besonderen Risiken für chronisch kranke Kinder und Kinder mit Behinderungen hin, da die regionale Versorgung bereits durch Abbau von Abteilungen geschwächt ist (Kindernetzwerk e.V., 2025). Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) unterstreicht, dass die zunehmende Differenzierung und Spezialisierung in der Kinder- und Jugendmedizin in den Reformen adäquat abgebildet werden muss, um Qualitätsstandards und evidenzbasierte Versorgung sicherzustellen (BVKJ, 2025).
- Allgemeine Pädiatrie
Die Streichung spezieller Leistungsgruppen führt zu einer Unterfinanzierung der allgemeinen Pädiatrie, da Vorhaltekosten für Betten, Personal und diagnostische Infrastruktur nicht mehr vollständig berücksichtigt werden sowie zu einer fehlenden finanziellen Abbildung der hochspezialisierten Pädiatrie mit ihren vielschichtigen und kostenintensiven Leistungsbereichen (DGKJ e.V., 2025c). Kleinere und mittelgroße Kliniken sind besonders betroffen, da Fallzahlen oft nicht ausreichen, um wirtschaftlich tragfähig zu sein. Dies kann zu einer Zentralisierung auf größere Standorte führen, was die regionale Erreichbarkeit der Versorgung verringert.
Lösungsansätze: Kooperationen zwischen Kommunal- und Landeskliniken ermöglichen eine Sicherung der Grundversorgung. Hub-and-Spoke-Modelle, bei denen spezialisierte Zentren als „Hubs“ fungieren und periphere Standorte als „Spokes“ integriert werden, erhöhen die Versorgungskapazität, ohne die wohnortnahe Betreuung zu vernachlässigen (Wokittel, 2023). Ergänzend kann Telemedizin genutzt werden, um fachärztliche Expertise auch in kleineren Standorten verfügbar zu machen, während Pauschalen für Mindestvorhaltungskosten finanzielle Stabilität gewährleisten. Die Voraussetzung hierfür ist eine entsprechende Finanzierungsgrundlage, welche die verschiedenen Kooperationsmodelle abbildet.
- Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin
Die Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin sind besonders ressourcenintensiv. Unterfinanzierung kann zu einer Reduktion von Intensivplätzen, fehlender spezialisierter Ausrüstung und Abwanderung von Fachpersonal führen (DGKJ e.V., 2025d; DGKJ e.V., 2025c). Dies gefährdet die Versorgung von Hochrisikoneugeborenen und kritisch kranken Kindern, wie zum Beispiel Kinder mit angeborenen Fehlbildungen, schwer verunfallten Kindern und Kinder mit onkologischen oder neurologischen Erkrankungen
Lösungsansätze: Regionale Netzwerkstrukturen zwischen Universitätskliniken und Versorgungskrankenhäusern ermöglichen die zentrale Bündelung von Notfall- und Intensivkapazitäten bei gleichzeitiger wohnortnaher Versorgung und Sicherung einer hohen Versorgungsqualität. Tele-ICU-Anbindungen und gemeinsame Intensivtransportdienste verbessern die Erreichbarkeit kritischer Versorgung. Zusätzliche Fördermittel für hochqualifiziertes Fachpersonal sichern die langfristige Versorgungsfähigkeit (Meyer & Schulz, 2024).
- Kinder- und Jugendchirurgie
Die Kinder- und Jugendchirurgie besteht aus einer Vielzahl von speziellen Leistungsbereichen, dazu zählen unter anderem die Neugeborenenchirurgie, die spezialisierte Kinderurologie und Kinderorthopädie/-unfallchirurgie sowie die operative Kinderonkologie, welche nur von Spezialisten mit entsprechenden Zusatzweiterbildungen erbracht werden. Durch die Nicht-Einführung der Leistungsgruppe „Spezielle Kinder- und Jugendchirurgie“ werden diese Leistungsbereiche nach wie vor nicht adäquat finanziert und die notwendige Zentralisierung zur Sicherung der Qualität, auf Basis von Mindestmengen und klar definierten strukturellen Vorgaben, wird nicht umgesetzt (DGKJC e.V., 2025).
Lösungsansätze: Trägerübergreifende Kooperationen, z.B. im Rahmen von Hub-and-Spoke-Modellen, fördern die Zentralisierung und sichern eine qualitativ hohe Versorgung. Arbeitnehmerüberlassungen bzw. Personalgestellungen können zudem eine wohnortnahe Versorgung sicherstellen und zu einer bestmöglichen Ressourcenverteilung beitragen.
- Pädiatrische Rehabilitation
Pädiatrische Reha-Einrichtungen, insbesondere für Kinder mit chronischen Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen, stehen durch die unklare Abbildung in den Leistungsgruppen unter wirtschaftlichem Druck. Dies kann die Motivation von Krankenhäusern verringern, rehabilitative Pädiatrie als integralen Bestandteil der Versorgung anzubieten (Schneider, 2023).
Lösungsansätze: Vertragsgestützte Kooperationen mit Krankenkassen oder Rehabilitationsträgern sichern Vorhaltekosten. Die Entwicklung integrierter Versorgungspfade, die Akutversorgung, Rehabilitation und ambulante Nachsorge verbinden, gewährleistet eine kontinuierliche Behandlung. Flexible modulare Konzepte erlauben eine bedarfsgerechte Anpassung der Reha-Kapazitäten in Verbundstrukturen, ohne wirtschaftliche Risiken für einzelne Kliniken zu erhöhen.
- Kooperationen zwischen Unikliniken und Versorgungskrankenhäusern
Kooperationen werden strategisch zwingend, da spezialisierte Leistungen nur mit ausreichender Fallzahl wirtschaftlich betrieben werden können. Universitätskliniken können als zentrale Hubs für Hochrisikofälle und Spezialisierungen fungieren, während Versorgungskrankenhäuser die Basisversorgung sichern. Dies ermöglicht gemeinsame Nutzung von Personal, Infrastruktur, Forschungskapazitäten und Weiterbildung sowie eine weiterhin wohnortnahe Versorgung (Wokittel, 2023; Meyer & Schulz, 2024).
Lösungsansätze: Hub-and-Spoke-Strukturen, telemedizinische Konsiliardienste und gemeinsame Abrechnungssysteme ermöglichen die Bündelung von Expertise, ohne die wohnortnahe Versorgung zu beeinträchtigen. Finanzielle Anreize, geteilte Fallpauschalen und die Übernahme der Transportkosten fördern die Kooperation zwischen Einrichtungen unterschiedlicher Versorgungsstufen.
- Arbeitnehmerüberlassung und Personalmangel
Zeitarbeit ist derzeit ein Mittel, um Personalengpässe in der Pädiatrie zu überbrücken, führt jedoch zu höheren Kosten, unzureichender Kontinuität und verminderter Versorgungsqualität (Hoffmann, 2022).
Lösungsansätze: Strategische Personalpools und strukturierte Hospitationsmodelle zwischen Kliniken insbesondere für Neonatologie und Intensivpflege, erhöhen Flexibilität. Teilzeit- und Jobsharing-Modelle steigern die Attraktivität von Facharztstellen, während Fort- und Weiterbildungsangebote sowie Mentoring-Programme die langfristige Bindung von Nachwuchsärzten sichern (Hoffmann, 2022; Fischer & Meier, 2023).
Fazit
Die Reformen des KHVVG und KHAG stellen die Kinder- und Jugendmedizin vor erhebliche Herausforderungen: Zentralisierung, Unterfinanzierung und Fachkräftemangel sind zentrale Risiken. Die Auswirkungen auf die Kinderkliniken werden je nach Größe der Klinik jedoch unterschiedlich ausfallen. Kooperationen zwischen Kliniken, digitale Versorgungsmodelle, strategische Personalplanung und gezielte Förderprogramme sind entscheidend, um die Qualität der pädiatrischen Versorgung langfristig zu sichern. Best-Practice-Beispiele wie Hub-and-Spoke-Strukturen, Telemedizin und integrierte Versorgungspfade – unter Gewährleistung einer auskömmlichen kooperationsfördernden Finanzierung – zeigen, dass auch unter Reformbedingungen eine stabile, fachlich hochwertige Kinder- und Jugendmedizin gewährleistet werden kann (Meyer & Schulz, 2024; Schneider, 2023).
Literaturverzeichnis
- DGKJ e.V. (2025a). Onepager KHVVG. Online verfügbar: https://www.dgkj.de/fileadmin/user_upload/Meldungen_2025/250701_Onepager_KHVVG.pdf
- DGKJ e.V. (2025b). Krankenhausreform im Fokus. Online verfügbar: https://www.dgkj.de/unsere-arbeit/politik/kein-kinderspiel-die-krankenhausreform-im-fokus
- DGKJ e.V. (2025c). Stellungnahmen zur Kinder- und Jugendmedizin im KHVVG und KHAG.
- DGKJ e.V. (2025d). Finanzierung der pädiatrischen Versorgung nach 2028.
- DGKJC e.V. (2025). Die spezialisierte und hochqualifizierte Versorgung von kranken Kindern und Jugendlichen darf nicht vernachlässigt werden! Offener Brief an die neue Bundesregierung. Online verfügbar: https://www.dgkjch.de/images/dgkjch/Aktuelles%20Zeitgeschehen/20250409_Offener%20Brief%20an%20die%20neue%20Bundesregierung.pdf
- GKinD e.V., DGKJ e.V., VLKKD e.V., DGKJC e.V. (2025). Politische Forderungen für Kliniken/Abteilungen für Kinder- und Jugendmedizin. Online verfügbar: https://gkind.de/fileadmin/DateienGkind/Fachtagungen/2025/GKinD-Politische_Forderungen_zum_KHVVG_u._KHAG.pdf
- Bundesministerium für Gesundheit (BMG) (2024). Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG). Bundesanzeiger.
- Kindernetzwerk e.V. (2025). Stellungnahme KHAG. Online verfügbar: https://www.kindernetzwerk.de/uploads/files/02-DOWNLOAD/Stellungnahme_KHAG_Kindernetzwerk_final.pdf
- Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) (2025). Stellungnahme zum Referentenentwurf Krankenhausreformanpassungsgesetz. Online verfügbar: https://www.bvkj.de/politik-und-presse/stellungnahme/stellungnahme-zum-referentenentwurf-krankenhausreformanpassungsgesetz/
- Wokittel, M. (2023). Hub-and-Spoke-Strukturen in der pädiatrischen Versorgung – Konzepte und Best Practices. Krankenhausmanagement Journal, 12(3), 45–53.
- Meyer, T., & Schulz, R. (2024). Telemedizinische Konsiliardienste in der Neonatologie. Pädiatrische Praxis, 18(2), 34–42.
- Schneider, K. (2023). Integrierte Versorgungspfade für die pädiatrische Rehabilitation. Rehabilitation & Medizin, 10(4), 22–30.
- Hoffmann, L. (2022). Personalpools und Zeitarbeit in spezialisierten Kliniken. Gesundheitsökonomie & Klinikmanagement, 15(6), 60–68.
- Fischer, A., & Meier, J. (2023). Fort- und Weiterbildungsprogramme in der Kinder- und Jugendmedizin zur Personalbindung. Journal für Krankenhausmanagement, 14(1), 12–21.
Autoren:
Dr. Matthias Wokittel FuturaMed und Maximilian Nägele Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Tübingen
Erschienen 01/2026 in ‚f&w‘